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" Häusliche Betreuung / Pflege alter sowie altersverwirrter,
   demenzkranker und sonst psychisch  belasteter älterer Menschen
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Pflegereform steht vor der Aufspaltung

Gesundheitsminister Bahr bastelt eifrig an der Pflegereform - mit Spannung wird der Gesetzentwurf erwartet. Möglicherweise werden es sogar zwei Gesetze - womöglich nur, um die Zustimmungspflicht des Bundesrates zu umgehen.

BERLIN (af/sun). Mit Spannung erwartet wird der Gesetzentwurf zur Pflegereform aus dem Gesundheitsministerium (BMG). Er solle in den nächsten Wochen vorliegen, heißt es in der Regierungskoalition.

Möglicherweise sind bis dahin zwei Gesetze daraus geworden.
Eines, das die Ausweitung der Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung regelt und eines für die Förderung der privaten Vorsorge zur Absicherung der Pflege.

Die im November alleine vom Gesundheitsministerium formulierten Eckpunkte zur Pflegereform hatten noch beide Elemente zusammenaufgeführt.
Diese sehen vor, den Beitrag zur Pflegeversicherung ab 2013 um 0,1 Prozentpunkte auf 2,05 Prozent der Bruttoeinkommen zu erhöhen, für Kinderlose etwas mehr.

Außerdem will die Regierungskoalition Anreize zur privaten Absicherung von Pflegerisiken setzen.

FDP hat sich noch nicht entschieden

Im BMG geht man fest davon aus, dass das Gesetzesverfahren gesplittet wird. Dies sei schon immer so vorgesehen gewesen, sagte eine Sprecherin der "Ärzte Zeitung". In der FDP-Fraktion wird dies noch nicht so klar gesehen. Das sei noch nicht im Konsens so besprochen, hieß es gegenüber der "Ärzte Zeitung" unter anderen aus dem Büro der pflegepolitischen Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus.

Das Bundesfinanzministerium (BMF) bleibt dagegen vage. "Es steht noch nicht fest, ob es zwei Gesetze geben wird", sagte ein Sprecher der "Ärzte Zeitung". Das BMF sei zuständig für die Förderung der geplanten privaten Pflegezusatzversicherungen. Die seien allerdings Teil des Gesamtpakets.

Ob die Pflegereform in ein oder zwei Gesetze gegossen wird, kann für eine mögliche Beteiligung des Bundesrates von Bedeutung werden. Nur die Anreize für die Vorsorge wären voraussichtlich zustimmungspflichtig. Die von der Opposition als völlig unzureichend gegeißelten Leistungsausweitungen vor allem für Demenzkranke wären dem Einfluss der Länderkammer allerdings entzogen.

Opposition spricht von zwei "Mini-Reförmchen"

SPD-Politikerin Carola Reimann kritisierte die Pflegereform der Regierung. "Bisher hat die Koalition noch gar nichts Substanzielles vorgelegt - weder in einem noch in zwei Gesetzesvorhaben." Es sei zu befürchten, dass es nur kosmetische Korrekturen geben werde.

Zweifel auch bei den Grünen: "Jetzt will Schwarz-Gelb ihre Mini-Pflegereform auch noch in zwei Mini-Reförmchen teilen", sagte Grünen-Politikerin Elisabeth Scharfenberg. FDP und Union sollten lieber erklären, wie sie sich die private Vorsorge überhaupt vorstellen, bevor sie überlegten, zu welchen Verfahrenstricks sie dafür greifen müssen.

"Die diskutierte Aufspaltung in zwei Gesetze ist der klägliche Versuch von Bundesgesundheitsminister Bahr, die geplante ungerechte private Pflegezusatzversicherung auf Gedeih und Verderb in trockene Tücher zu bringen", sagte Kathrin Senger-Schäfer von der Fraktion Der Linken. Bundesfinanzminister Schäuble eile ihm dabei zur Hilfe. 
            

Quelle: Aerztezeitung 09.01.12  



Alzheimer-Mechanismen aufgedeckt

Forscher in Leipzig und Rostock haben Grundlagen der Alzheimer-Krankheit entdeckt. Sie beobachteten, auf welchem Weg giftige Eiweiße in bestimmte Hirnregionen gelangen können und fanden ein Enzym, das deren Abtransport aus dem Hirn verhindert.

Von Joachim Mangler

ROSTOCK/LEIPZIG. Deutsche Forscher haben einige grundlegende Erkenntnisse zur Alzheimer-Erkrankung gewonnen. Leipziger Mediziner beobachteten exakt, wie schädliche Eiweiße über Nervenfasern in den Hippocampus gelangen.

Diese Region spielt im Hirn eine zentrale Rolle für die Gedächtnis-Bildung. Mediziner in Rostock machen dagegen eher einen fehlenden Abtransport der Alzheimer-Eiweiße für die Erkrankung verantwortlich.

Eine Studie mit genmanipulierten Mäusen zeige, dass ein Defekt beim sogenannten Transporter ABCC1 einen zwölffachen Anstieg der schädlichen Alzheimer-Peptide (Amyloide) im Gehirn zur Folge habe, berichten sie (Acta Neuropathol 2011; 121: 705).

Nach Angaben des Rostocker Forschungsleiters Jens Pahnke ließ sich zudem mit dem bereits seit Jahrzehnten bekannten Arzneistoff Thiethylperazin die Menge der Alzheimer-Eiweiße innerhalb von 25 Tagen um rund 70 Prozent senken.

Es sei somit das erste Mal gelungen, die Funktion des ABCC1-Transporters für die Alzheimer-Demenz aufzudecken und auch medikamentös zu beeinflussen.

Es gelte nun, dieses Medikament weiterzuentwickeln. Pahnke ging davon aus, dass bis zum Einsatz noch weitere fünf Jahre vergehen könnten.

"Bei jedem Menschen bilden sich im Gehirn als normaler Vorgang des Alterns die giftigen Stoffe, aus denen die Alzheimer-Plaques bestehen", sagte Pahnke. Bei gesunden Menschen klappt jedoch der Abtransport aus dem Gehirn.

Das Resultat der Ablagerungen sei das Absterben der Nervenzellen und somit die Entwicklung einer Demenz.

"Wie diese Kaskade bei 99 Prozent der Alzheimer-Patienten funktioniert, ist völlig unbekannt. Nur bei den wenigen familiären Alzheimer-Fällen kennen wir die Ursachen", sagte Pahnke.

Bislang seien keine Behandlungsmöglichkeiten bekanntgewesen, die das Erkrankungsalter oder den Verlauf signifikant beeinflussen können.

Derzeit suche das 20-köpfige Forscherteam deutschlandweit Patienten, um die Funktion des neuen Transporters besser bestimmen zu können.

Es sei bekannt, dass dessen Funktion durch Lebensmittel, Medikamente oder andere Umwelteinflüsse zu beeinflussen sei. Dafür suchen die Rostocker insbesondere ältere Ehepaare, bei denen ein Partner unter Alzheimer leidet.

Nach Worten von Wolfgang Härtig, Alzheimer-Experte von der Universitätsklinik Leipzig, ist die Arbeit Pahnkes ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Alzheimer-Therapie.

Zwar seien in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten der Diagnose enorm fortgeschritten, bei der Behandlung gebe es aber Stagnation.

Die bisherigen Arzneimittel wirkten nicht bei allen Patienten und dann auch nicht länger als ein Jahr. "Jede neue Idee wie die von Pahnke ist da extrem willkommen", sagte Härtig.

Das Team um Prof. Steffen Roßner von der Universität Leipzig stellte am Donnerstag einen Weg vor, wie die bösartigen Proteine über Nervenfasern in den Hippocampus gelangen können.

"Wir haben die Transportprozesse in Echtzeit beobachtet", erklärte Roßner nach einer Pressemitteilung der Universität Leipzig. Zudem spiele das Enzym Glutaminyl-Zyklase eine Rolle bei der Krankheitsentstehung.

"Es ist das erste Mal, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten der Zusammenhang zwischen diesem Enzym und dem bösartigen Amyloid nachgewiesen wurde", sagte der Hirnforscher.

Nun teste sein Team in Zusammenarbeit mit der Hallenser Firma Probiodrug Wirkstoffe, die das Enzym einmal hemmen sollen. Sie haben ihre Arbeit im Fachjournal "Acta Neuropathologica" veröffentlicht. (dpa)


Quelle:  Aerztezeitung 02.09.11 


Antidementiva steigern die Lebensqualität

Frühe Arzneitherapie hält Alzheimer-Kranke länger selbstständig, beugt Verhaltensproblemen vor und erhöht so die Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen.

Von einer antidementiven Therapie wird erwartet, dass sie den kognitiven Abbau bremst. Dies ist bei M. Alzheimer sowohl mit den drei Cholinesterase-Hemmern Donepezil, Galantamin und Rivastigmin als auch mit Memantine möglich.

Die kognitiven Leistungen werden dabei etwa ein Jahr lang verbessert oder stabilisiert, danach nehmen sie trotz Therapie wieder ab, bleiben aber auf höherem Niveau als ohne Therapie. Dabei gilt: Je früher mit der Therapie gestartet wird, um so höher ist das Niveau, das sich noch erhalten lässt.

Für Demenzkranke und ihre Familien sind aber nicht nur Gedächtnisstörungen ein Problem, schwerer wiegen meist Verhaltensauffälligkeiten wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Agitation, Depressionen und Apathie.

Diese erschweren die Betreuung und tragen dazu bei, dass die Patienten früh in ein Pflegeheim kommen. So sind nach Untersuchungen bei leichter Alzheimer-Demenz im Schnitt noch etwa 15 Stunden pro Woche für die Pflege der Patienten nötig, bei mittelgradiger Demenz sind es 45 Stunden und bei schwerer Demenz bereits 70 Stunden.

Diese Last zu mindern - dazu können Antidementiva ebenfalls beitragen: In Studien verspürten 50 bis 70 Prozent der Angehörigen einen Nutzen der antidementiven Therapie sowohl bei der Leistungsfähigkeit und Alltagskompetenz der betreuten Patienten als auch bei der eigenen Lebensqualität. Dies bestätigen inzwischen viele Untersuchungen:

Memantine (Axura®, Ebixa®) ist zugelassen bei moderater bis schwerer Demenz, dies entspricht etwa einem MMST-Wert von weniger als 20 Punkten. In einer Analyse mit Daten von 2300 Alzheimer-Patienten waren die kognitiven Fähigkeiten mit Memantine nach einem halben Jahr sowohl bei moderater als auch schwerer Demenz signifikant besser als mit Placebo.

Und in einer Metaanalyse mit Daten von 1400 Alzheimer-Kranken kamen die Patienten mit der Arznei auch im Alltag besser zurecht und zeigten seltener Verhaltensprobleme als mit Placebo. Zudem benötigten Patienten mit Memantine pro Monat 400 statt 450 Stunden Betreuung und Pflege.

Donepezil (Aricept®) ist wie die anderen beiden Cholinesterase-Hemmer bei leichter bis mittelschwerer Demenz zugelassen. Dieses Stadium entspricht etwa einem MMST-Wert von 26 bis 10 Punkten.

In Studien mit Donepezil wurde die Aufnahme in ein Pflegeheim im Schnitt um 21 Monate hinausgezögert, zudem halbierte sich der Wert des neuro-psychiatrischen Index (NPI) in einer Studie von 25 auf 12 Punkte. Patienten benötigen mit dem Antidementivum im Schnitt etwa eine Stunde weniger Pflege pro Tag als mit Placebo.

Galantamin (Reminyl®) konnte in klinischen Studien die Heimaufnahme um etwa zwei Jahre hinauszögern und den Pflegeaufwand ebenfalls um etwa eine Stunde täglich reduzieren. Zudem kamen die Patienten im Alltag besser zurecht als ohne Medikation; Verhaltensstörungen nahmen ab, mit Placebo nahmen solche Störungen dagegen zu.

In einer weiteren Studie konnte man Alzheimer-Patienten mit Galantamin pro Tag im Schnitt 2 Stunden und 20 Minuten länger alleine lassen als zuvor, mit Risperidon waren es 1 Stunde und 40 Minuten.

Mit Rivastigmin (Exelon®) traten nach zweijähriger Therapie in einer Studie Stimmungsstörungen und Halluzinationen seltener auf als mit Placebo. Die Arznei ist auch als transdermales Pflaster erhältlich. Damit treten Übelkeit und Schwindel seltener auf als mit oraler Rivastigmin-Therapie, und die Alltagskompetenz bleibt nach Studiendaten stabiler.

Psychopharmaka sollten bei Verhaltensproblemen nur kurzfristig und nur dann angewandt werden, wenn psychosoziale Interventionen und Antidementiva nicht ausreichen. Sind Psychopharmaka nötig, haben atypische gegenüber klassischen Neuroleptika den Vorteil, dass sie die Kognition kaum mindern.

Gangunsicherheit, Schwindel und auch Stürze sind damit seltener. In Studien linderte Risperidon (etwa Risperdal®) Aggressivität und Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus ähnlich gut wie Haloperidol und besser als Melperon. (mut)   

 

Quelle:  Aerztezeitung 22.07.11   

 

Fördert Stress Alzheimer?

MÜNCHEN (eb). Wer Stress hat, könnte anfälliger für Alzheimer sein. Forscher haben nach eigenen Angaben in Tierversuchen nachgewiesen, dass Stresshormone krankhafte Veränderungen in Nervenzellen bewirken, die womöglich die Demenz-Erkrankung fördern.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Universität von Minho in Braga (Portugal) haben festgestellt, dass sich im Gehirn von Ratten, die Stress ausgesetzt sind, zwei Proteine verändern (Journal of Neuroscience, 2011; 31(21):7840-7847).

Wie das Institut mitteilte, stieg in den Versuchen einerseits die Anzahl der neurotoxisch wirkendem Beta-Amlyoid-Proteine im Gehirn der Ratten, andererseits entstand übermäßig phosphoryliertes Tau-Protein.

"Beide Prozesse stehen am Anfang der Alzheimer-Erkrankung und sind Ausgangspunkt für die pathologischen Prozesse, die die Zerstörung von Nervenverbindungen und schließlich das Absterben der Nervenzellen verursachen", schrieb das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in einer Mitteilung.

Stress gar ein Auslöser?

Die Wissenschaftler vermuten nun, dass Stress ein Auslöser für Alzheimer sein könnte.

"Die Ergebnisse zeigen, dass Stresshormone und Stress das Tau-Protein wie bei Morbus Alzheimer verändern können", erklärte Dr. Osborne Almeida vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Er schließt daraus, dass Stress die Alzheimer-Erkrankung verschlimmert. Daher sollte Stress vermieden werden.

"Wer regelmäßig Stress ausgesetzt ist, könnte auf diese Weise anfälliger für Alzheimer werden. Dabei steigt die Anfälligkeit mit dem Alter", sagte Almeida.

Quelle:  Aerztezeitung 01.06.11   

 

"Es ist, als existiere man immer weniger"

Der Selbstmord von Gunter Sachs hat die Angst vor der Diagnose Alzheimer ins öffentliche Interesse gerückt. In vier neuen Büchern beschreiben Patienten ihr Leben mit der Krankheit. Die Erfahrungsberichte zeigen: Mit Alzheimer hört das Leben nicht auf.

Von Pete Smith

Die Diagnose Alzheimer ist für Betroffene oft schlimmer als Krebs. Einige treibt sie in den Suizid, wie jüngst Gunter Sachs, die meisten lässt sie verstummen. Wurde über Alzheimer bislang nur aus Sicht der pflegenden Angehörigen und Fachleute geschrieben, so melden sich seit kurzem immer häufiger Patienten selbst zu Wort.

Sie erzählen, was sie fühlen, denken oder hoffen und gewähren Einsichten, die unser Verständnis der Krankheit grundlegend verändern.

Wie fühlt sich Alzheimer an? "Als lebe man in einer Wolke", antwortet der niederländische Wissenschaftler René van Neer. "Jegliche Ordnung ist verschwunden." Und: "Es gibt nichts mehr, das einem Halt gibt. Es ist, als existiere man immer weniger."

Richard Taylor, ehemals Professor für Psychologie in den USA, formuliert es so: "Ich traue mir selbst nicht mehr über den Weg und weiß nicht, ob ich sage, was ich meine, und meine, was ich sage."

Beide haben ein Buch über ihre Erfahrungen mit Alzheimer geschrieben. Während Taylor seine Innensicht in kurzen Essays artikuliert ("Alzheimer und Ich"), erhält René van Neer bei der Formulierung seiner Gedanken Hilfe von seiner Tochter Stella Braam ("Ich habe Alzheimer").

Taylor weinte "drei Wochen lang Tag für Tag", als er, 58-jährig, die Diagnose erfuhr. Van Neer blieb, zumindest nach außen, gelassen. "Na, zum Glück ist es kein Gehirntumor", meinte der 74-Jährige, um später hinzuzufügen: "Alzheimer ist ein Abenteuer. Ich lasse mich darauf ein."

Worunter leiden Betroffene am meisten? "Mein größtes Problem ist, dass ich nicht sprechen kann", antwortet der US-Journalist Bill. "Das ist wirklich hart. Ich kann Gedanken entwickeln, sie aber nicht äußern. Ich fange Sätze an und weiß nicht, wie ich sie zu Ende bringen soll."

Bill ist einer von sieben Patienten, die Lisa Snyder für ihr Buch "Wie sich Alzheimer anfühlt" befragt hat. Snyder arbeitet im Shiley-Marcos Alzheimer's Disease Research Center der University of California in San Diego.

Von Bea, einer weiteren Interviewpartnerin, erhielt Snyder die Antwort: "Das Schlimmste für mich ist, mir morgens meine Hose anzuziehen." Booker, 82, machen die Reaktionen seiner Umwelt zu schaffen: "Wenn ich etwas vergesse, möchte ich freundlich behandelt werden. Unfreundlichkeit ruft Widerstand hervor."

Alzheimer-Patienten sind schwierig: aggressiv, verstockt, unruhig und nervig. Das ist die Sicht von so manchem Angehörigen, Pfleger oder Arzt. Dass viele ihrer Reaktionen geradezu provoziert werden, wissen nur die Betroffenen selbst.

Als größtes Problem empfinden sie die Bevormundung: Die "Gesunden" wissen alles besser! Sie bestimmen, da sich viele Patienten ja nicht verständlich machen können - jedenfalls nicht in der Zeit, die man ihnen dafür zugesteht. So kommt es vor, dass Ärzte, Pfleger und Angehörige Entscheidungen treffen, die an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbeigehen, und über Patienten sprechen, als wären sie gar nicht da. Und dann wundern sie sich über trotzige Reaktionen.

"Man wird behandelt wie ein Kind", bringt es Helen Merlin in einem Gespräch mit der Journalistin Beate Lakotta auf den Punkt. Lakotta hat gemeinsam mit anderen Autoren ein Buch zum Thema "Demenz - was wir darüber wissen, wie wir damit leben" herausgebracht und dafür unter anderem mit Betroffenen der Alzheimer Gesellschaft München gesprochen.

"Wenn die Demenz anerkannt würde als Behinderung, dann würde ich unterstützt und integriert", so Merlin, die an Lewy-Körperchen-Demenz leidet. "Dann würde ich mich auch outen. Aber so ist es nur ein Stempel: Die können nichts mehr! Dabei kann ich noch viel."

Einige Patienten stehen noch im Beruf, andere managen daheim ihren Alltag allein. Mit Alzheimer hört das Leben nicht auf: Das ist die vielleicht bedeutendste Botschaft der vielen Erfahrungsberichte. Alzheimer lässt auch Freuden zu, Alzheimer ist nicht nur Verlust, sondern Gewinn. "Man wird milder mit sich", schreibt Helen Merlin. "Ich freue mich über alles, was ich gut mache."

Richard Taylor hat erfahren, dass sich die Beziehungen zu seiner Familie und seinen Freunden durch die Krankheit vertieft haben: "Wir verbringen ganz bewusst mehr Zeit miteinander. Wenn wir zusammen sind, reden wir mehr, wir umarmen uns öfter, wir weinen öfter und lachen öfter, lauter und länger."

Bill schließlich empfindet das Leben mit Alzheimer ungezwungener als das Leben ohne: "Ich habe Spaß an Dingen, die Kindern Spaß machen. Ich werde nicht mehr zur Verantwortung gezogen wie früher. Ich kann machen, was ich will."

Literatur :
Stella Braam: Ich habe Alzheimer. Wie die Krankheit sich anfühlt. Beltz. Weinheim 2011. 192 Seiten. 17.95 Euro.

Lisa Snyder: Wie sich Alzheimer anfühlt. Verlag Hans Huber. Bern 2011. 224 Seiten. 22.95 Euro.

Annette Bruhns, Beate Lakotta, Dietmar Pieper (Hrsg.): Demenz. Was wir darüber wissen, wie wir damit leben. DVA. München 2010. 304 Seiten. 19.99 Euro.

Richard Taylor: Alzheimer und Ich. Leben mit Dr. Alzheimer im Kopf. Verlag Hans Huber. Bern 2010. 261 Seiten. 22.95 Euro

Quelle:  Aerztezeitung 23.5.11                                                                                                  

 

Antidementiva reduzieren die Morbidität von Alzheimer-Patienten

Antidementiva können die Lebensqualität erhöhen und die Morbidität senken - doch werden sie in Deutschland nach wie vor zu selten verabreicht und zu gering dosiert.

FRANKFURT/MAIN (mut). Nach der aktuellen S3-Leitlinie zu Demenzen sollten Alzheimer-Patienten in höchster zugelassener Dosierung und fortlaufend mit Antidementiva behandelt werden. Dies sei in Deutschland aber immer noch nicht die Regel, hat Professor Lutz Frölich vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim berichtet.

So erhalten hierzulande nach Daten einer 2010 publizierten Studie nur etwa 31 Prozent der von Hausärzten betreuten und 52 Prozent der von Fachärzten betreuten Alzheimer-Kranken eine spezifische antidementive Therapie.

Auch würden die Patienten meist nicht fortlaufend behandelt, und die Therapie erfolge häufig nicht in einer ausreichenden Dosierung, so Frölich auf einer Veranstaltung des Unternehmens Janssen-Cilag in Frankfurt am Main.

Ein Lichtblick immerhin: Von den 70- bis 80-jährigen Alzheimer-Patienten erhalten etwa 60 Prozent Antidementiva, aber sowohl bei jüngeren als auch älteren Patienten werden wesentlich seltener Medikamente gegen die Demenz verordnet, ergänzte Professor Matthias Riepe von der Universität Ulm. Ein Grund für die schlechte Versorgung sei offenbar auch, dass die Gesellschaft weiterhin ihren Fokus auf einer Reduktion der Mortalität lenke.

So werden etwa für die Behandlung von 1,3 Millionen Krebspatienten in Deutschland pro Jahr 14,5 Milliarden Euro ausgegeben, für die Behandlung einer ähnlich großen Zahl von Demenz-Patienten dagegen nur 4,5 Milliarden - und das hauptsächlich für Pflegemaßnahmen.

Gerade bei sehr alten Menschen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten bei der verbleibenden Lebenserwartung allerdings wenig geändert, hier komme es folglich vor allem darauf an, die Morbidität zu reduzieren und die Lebensqualität zu erhöhen - und dabei könnten Antidementiva einen wichtigen Beitrag leisten.

Riepe wies darauf hin, dass sich in Studien mit dem Cholinesterase-Hemmer Galantamin (Reminyl®) die Aufnahme in ein Pflegeheim um zwei Jahre verzögern ließ, zudem wurde der Pflegeaufwand um etwa sieben Stunden pro Woche reduziert, die Patienten kamen im Alltag besser zurecht als ohne Medikation, und Verhaltensstörungen nahmen deutlich ab, wohingegen sich solche Störungen unter Placebo verstärkten. Dies zeige, dass sich die Morbidität unter einer Behandlung mit Antidementiva senken lasse.

Wenn, wie zu erwarten, ab Ende dieses Jahres die ersten generischen Cholinesterase-Hemmer auf den Markt kommen, dann sollten Ärzte berücksichtigen, dass eine Umstellung der bisherigen Medikation sowohl bei Patienten als auch bei Betreuern zu Verwechslungen und Verunsicherung führen kann, sagte Frölich.

Auch werde ein Wirkstoff in generischen Präparaten oft anders freigesetzt, was sowohl die Wirksamkeit beeinträchtigen als auch die Verträglichkeit verschlechtern könne. Der langfristige Einsatz von Originalpräparaten vermeide zudem Verunsicherung und Verwechslungen bei Betreuern und Patienten.

Quelle: Ärztezeitung, 25.03.2011  

 

Bessere Unterstützung für pflegende Angehörige ist dringend nötig

Die Unterstützung pflegender Angehöriger war das Thema des Pflege-Dialogs, zu dem Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler am 14. Februar 2011 eingeladen hatte. Mehr als 2,2 Millionen Menschen sind derzeit pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Etwa zwei Drittel von ihnen werden von Angehörigen zu Hause gepflegt, zumeist von (Ehe-)partnern und Töchtern. Dies gilt auch für die 1,2 Millionen Demenzkranken in Deutschland, von denen nur ein Teil Leistungen der Pflegeversicherung erhält.  

Dazu sagte Heike von Lützau-Hohlbein, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: „So wichtig dieser Dialog ist, so verliere ich doch langsam die Geduld. Seit 2009 liegen sorgfältig ausgearbeitete und abgestimmte Vorschläge einer Expertenkommission zur Reform der Pflegeversicherung auf dem Tisch. Diese Vorschläge sehen etwa vor, dass der besondere Betreuungs- und Pflegebedarf Demenzkranker im Rahmen der Pflegeversicherung anerkannt wird. Dies muss endlich umgesetzt werden.“

Im Einzelnen sagte Heike von Lützau-Hohlbein zur notwendigen Entlastung pflegender Angehöriger: „Als Selbsthilfeorganisation kennen wir die besonderen Belastungen pflegender Angehöriger, und das sind oft 80-jährige Ehefrauen. Der ‚24-Stunden-Tag’ ist sprichwörtlich geworden. Deshalb fordert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft eine am individuellen Bedarf orientierte, wohnortnahe und bezahlbare Entlastung pflegender Angehöriger. Pflegende haben schon jetzt einen Anspruch auf Kurzzeit- und Verhinderungspflege, wenn sie krank sind oder Erholung brauchen. Doch dieser Anspruch muss flexibler genutzt werden können, und wir brauchen mehr geeignete Angebote. Kuren für Angehörige und Pflegebedürftige müssen ermöglicht werden, ähnlich wie Mutter-Kind-Kuren. Ferner muss Pflegezeit angemessen bei den Rentenansprüchen angerechnet werden“.

 

Quelle:  Pressemitteilung Deutsche Alzheimergesellschaft, 15.02.2011

 

+++ Zu wenig Rente für die Pflege zuhause +++


Seit 1995 erwerben Menschen, die pflegebedürftige Angehörige zuhause versorgen, Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Viel zu wenig allerdings, wie Experten beklagen. Auf nicht einmal 40 Euro zusätzliche Monatrente kommen Betroffene im Durchschnitt. Wenig, wenn man bedenkt, dass pflegende Personen – in der überwiegenden Mehrzahl Frauen – im Regelfall auf einen bezahlten Job verzichten, mit dem sie deutlich höhere Rentenansprüche erwerben könnten.

Im Durchschnitt drei Jahre werden Pflegebedürftige vom Angehörigen versorgt, das zeigt eine aktuelle Studie der der Deutschen Rentenversicherung Bund. Für jedes Jahr, in dem man einen Angehörigen pflegt, gibt es zurzeit zwischen 6,94 Euro und 20,83 Euro Monatsrente, in Ostdeutschland zwischen 6,10 Euro und 18,30 Euro. Die genaue Bewertung von Pflegezeiten für die Rente richtet sich nach dem zeitlichen Pflegeumfang und der Pflegestufe des Pflegebedürftigen. Rentenansprüche erwirbt man einen Angehörigen mindestens 14 Stunden pro Woche in der häuslichen Umgebung pflegt. Die unentgeltlich pflegende Person muss einen Antrag bei der Pflegekasse stellen, die zahlt die Beiträge dann in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Voraussetzung ist allerdings, dass der Pflegebedürftige überhaupt Leistungen aus der Pflegeversicherung beanspruchen kann. Wer mehr als 30 Stunden in der Woche eine Erwerbsarbeit ausübt und nebenher Angehörige pflegt, erwirbt keine zusätzlichen Rentenansprüche.

Experten empfehlen Menschen, die über längere Zeit Angehörige zuhause pflegen und keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen können, unbedingt eine ergänzende private Altersvorsorge abzuschließen. Das kann z.B. auch eine private Rentenversicherung, die es in der Riester- oder Rürup-Variante auch mit staatlicher Förderung gibt. Wer als Pflegender selbst schon nah am Rentenalter steht und noch keine ausreichenden Ansprüche auf gesetzliche Rente erworben hat, kann sich auch mit einer einmaligen Zahlung eine lebenslange Privatrente sichern.                                               

Quelle: Money Times, 16.02.2011   

 

Deutschlands größter Pflegedienst
in der Krise

Immer weniger Menschen in Deutschland sind bereit, ihre Angehörigen rund um die Uhr zu betreuen. Das habe massive Konsequenzen für das System der Pflegeversorgung, warnen Verbände.

Von Thomas Hommel

Deutschlands größter Pflegedienst in der Krise

Die Pflege eines nahen Verwandten: Nur noch 18 Prozent der Bundesbürger sind bereit, das rund um die Uhr zu übernehmen.© Sven Simon / imago

BERLIN. Die Zahl pflegender Angehöriger in Deutschland ist nach Angaben des zur PKV gehörenden Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) deutlich gesunken. Nur noch knapp über 18 Prozent der Bundesbürger seien heute grundsätzlich bereit, einen Partner oder nahen Angehörigen im Pflegefall rund um die Uhr zu betreuen, sagte Zentrumsleiter Dr. Ralf Suhr der "Ärzte Zeitung".

Vor fünf Jahren hätten sich noch 35 Prozent der Deutschen entsprechend geäußert. "Diese Entwicklung muss nachdenklich stimmen."

Neben ganz persönlichen Gründen, so Suhr, seien der Wandel traditioneller Familienstrukturen und erhöhte Mobilitätsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt Ursachen für die rückläufige Zahl pflegender Angehöriger. "Die Eltern leben in Münster oder Bielefeld, die Kinder in München oder Freiburg - aus der Ferne die Pflege der Eltern oder Großeltern zu organisieren, ist kaum möglich."

Das Wegbrechen des größten Pflegedienstes in Deutschland würde das System der Pflegeversorgung aber vor massive Probleme stellen. Derzeit gibt es in Deutschland etwa 1,5 Millionen pflegebedürftige Menschen -Kranke, Alte oder Menschen mit Behinderung -, die zu Hause in den eigenen vier Wänden von Familienmitgliedern gepflegt werden.

Hinzu kommen 2,5 Millionen Hilfebedürftige, die zwar häusliche Betreuung benötigen, aber keine Leistungen der Pflegeversicherung erhalten.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat für dieses Jahr eine Pflegereform angekündigt, mit der er auch die Situation pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen verbessern will (wir berichteten).

An diesem Montag trifft sich Rösler in Berlin mit Pflege- und Sozialverbänden, um über die Belange pflegender Angehöriger zu beraten.

Die Erwartungen sind groß. Vor allem die Betreuung Demenzkranker in der Familie muss nach Ansicht der Sozialverbände besser honoriert werden. Da viele an Demenz erkrankte Menschen bislang keine Pflegestufe zuerkannt bekämen, erhielten die Angehörigen kein Pflegegeld, kritisierte die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, im Vorfeld der Pflegegespräche bei Rösler.

Maximal 200 Euro im Monat könnten derzeit aus der Pflegekasse bezahlt werden. "Für eine oft 24 Stunden notwendige Versorgung ist das so gut wie nichts."

Die Bundesregierung sei aufgerufen, so Mascher, pflegende Angehörige bei der Pflegereform angemessen zu berücksichtigen. "Wer die Pflege behinderter und älterer Menschen sicherstellen will, muss Familien entlasten, unterstützen und beraten."

Der Forderungskatalog des VdK ist lang: Anspruch auf Pflegezeit analog zum Elterngeld inklusive Rückkehrrecht in die Vollzeiterwerbstätigkeit, Anhebung der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige, um pflegende Frauen vor Altersarmut zu schützen, sowie eine rasche Anhebung und Dynamisierung des Pflegegelds in Höhe der Inflationsrate. Erfolge die Anpassung nicht, "würden immer mehr Menschen in einen pflegebedingten Sozialhilfebezug abrutschen".

Rösler hat bereits signalisiert, die häusliche Pflege zu stärken und den Angehörigen mehr Unterstützung auch finanzieller Art zukommen zu lassen. Alle von den Sozialverbänden vorgetragenen Forderungen wird er aber nicht umsetzen können, da dafür das Geld der Sozialkassen nicht reicht. Experten wie ZQP-Leiter Suhr sehen denn auch nicht nur die Politik, sondern auch die Unternehmen in der Pflicht.

Sie müssten verstärkt über flexible Arbeitszeitmodelle nachdenken, um pflegenden Angehörigen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Kassen, Ärzte und professionell Pflegende wiederum müssten Angehörige deutlich mehr über bereits bestehende Unterstützungsangebote wie etwa Beratung, Kurzzeitpflege und ähnliches informieren, so Suhr.

Quelle:  Aerztezeitung 12.02.11 

 

 

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